Eine kleine Chronik des inzwischen abgerissenen Pavillons der Brede

Der Pavillon

Der Pavillon erzählt

Man schrieb das Jahr 1981 als an der Brede die Schülerzahlen stiegen, und plötzlich ein Mangel an Unterrichtsräumen schon für das neue Schuljahr deutlich wurde. Die einzige Rettung war die Firma OFRA zu beauftragen, einen Pavillon zu bauen: schnell, praktisch, quadratisch, gut.

Und so trat ICH, Euer Pavillon in das Bredengeschehen ein! Innerhalb von kürzester Zeit waren meine Wände errichtet, die Fenster waren gleich integriert und der Innenausbau ging ruck zuck. Erst die Treppe, dann Türen, Waschbecken, Toiletten, Tafeln. Um Tapeten oder Anstrich brauchte sich keiner Gedanken zu machen, meine glatten, grauen Kunststoffwände sind pflegeleicht und man kann mit Tesafilm überall den Raum mit Postern verschönern. Was hatte ich zu bieten? Vier große, helle Klassenräume auf zwei Etagen, je einen Nebenraum und ein großzügiges Treppenhaus.

Meine Aufgabe? Ich sollte den Klassen 5 und 6 eine neue Heimat bieten. Und so bekam ich eine gemischte Bestuhlung aus kleinen und mittelgroßen Möbeln.

Am ersten Schultag begann mein richtiges Leben. Zuerst eroberte eine Klasse 6 ihren neuen Raum. Alles wurde inspiziert. Die Jalousien waren der absolute Renner! Auf Knopfdruck bewegen sie sich auf und ab, die Lamellen lassen sich in alle Richtungen verstellen. So kann man sein Interesse am "Rest der Bredenwelt" sehr gut demonstrieren! Hochgezogen und weltoffen, heruntergelassen und schräg gestellt, so dass man raus aber nicht rein gucken konnte, oder völlig abgeschottet. Eigentlich hatte der Architekt mehr an den Schutz vor der Vormittagssonne gedacht und die Lehrer freuten sich über die Möglichkeit den Raum zu verdunkeln.

Etwas feierlicher ging es am nächsten Tag zu. .96 Sextaner kamen mit ihren Müttern auf mich zu, musterten mich neugierig, und verteilten sich in ihre drei Klassenzimmer. Für sie war alles neu, nicht nur meine Wenigkeit, sondern auch die Lehrer, die verschiedenen Fächer und die meisten Klassenkameraden. Neun Jahre später absolvierte ungefähr die Hälfte von ihnen bei uns das Abi ´90.

Aber ich eile der Zeit voraus. Gehen wir erst einmal in das Jahr 1983 zurück. Es stand ganz im Zeichen des Jubiläums "1483 – 1833 – 1983", d.h. dass vor 500 das Kloster "Mariae Opferungsthal up der Breden" gestiftet wurde und vor 150 Jahren gründete Mutter Theresia Gerhardinger den Orden der Armen Schulschwestern, die dann 1850 auch nach Brakel kamen. Das konnte ich mit meinen zwei Jahren natürlich alles gar nicht wissen. Aber wie gewohnt hörte ich immer während des Unterrichts aufmerksam zu und erfuhr so den Grund für all die Festvorbereitungen im Juni. Ich wurde zur Kulisse und zum Vorratsraum für das große Schulfest und das Altschülerinnentreffen.

Zur Verschönerung des Pausenhofes spendete der auch erst zwei Jahre alte Förderverein schöne weiße Bänke, die mir vor meiner Tür "gut zu Gesicht standen". Auf ihnen saßen viele Kinder mit dem gleichen Sweatshirt, mal rot, mal blau. Auf ihnen war der Bredenturm und das Jubiläumsjahr 1983 dargestellt.

Mit den Jahren lernte ich das Kollegium kennen, die einen immer fröhlich in Vorfreude auf die munteren "Kleinen", nachdem sie z.B. gerade von einem gelangweilten 13-Kurs kamen, die anderen manchmal genervt von den immer frecher werdenden Fünftklässlern. Manche von ihnen kamen jedes Jahr, andere hatten nur alle paar Jahre das Vergnügen mit den Kleinen und manche kamen eines Tages gar nicht mehr. Man sprach dann von "Pensionierung". Dafür kamen dann neue Lehrer. Einer von ihnen erschien mir so jung, dass ich ihn in die Oberstufe eingeordnet hätte. Aber dann unterrichtete er plötzlich Mathematik!

Eigentlich war es recht langweilig Jahr für Jahr den Stoff der 5 und 6 zu hören: "What’s your name?"-" 'Der Hund' ist ein Nomen."- "1 ha hat 10 000 m2."-"Juist gehört zu den ostfriesischen Inseln." und so weiter. Französisch und Latein waren mir nie vergönnt!

Aber es gab auch Veränderungen: Seit Ende der achtziger Jahre fand bei mir auch Kunstunterricht statt. Das bedeutete viel Malwasser, Wachsmalkreide, bunte Tische und am Schluß immer gründliches Aufräumen.

Seit ca. neun Jahren werde ich kurz vor den Sommerferien zum Café umgestaltet, um am Kennenlerntag den zukünftigen Fünftklässlern eine Einstimmung zu geben.

Zur selben Zeit entstand das neue zweistündige Unterrichtsfach "Freiarbeit". Auch wenn es manche von den Kleinen schon von der Grundschule her kannten, war es für alle anderen Neuland. An dieser Stelle wurde mir endgültig klar, dass Lehrer nicht nur vormittags arbeiten. Arbeitsblätter aller Fächer wurden zusammengeschnitten und -geklebt, in Ordner und Kästen sortiert und in die neuen Holzregale einsortiert. Jeder Schüler bekam einen eigenen Ordner, in dem er seine Arbeit sammelte. Jeder durfte selbst entscheiden, für welches Fach er zuerst arbeitet, Hauptsache am Schluß war das ganze Pensum geschafft. So mancher betrachtete diese Stunden aber als Spielstunde oder kam über seine Lieblingsfächer nicht hinaus. Und so steht heute einfach nur "LL" im Stundenplan, d.h. "Lernen lernen" und ist sicher die Voraussetzung für selbständige Arbeit.

Immer konnte ich neue Medien kennen lernen. So bekam mit der Zeit jeder Raum seinen eigenen Tageslichtprojektor, 1990 bescherte die Wiedervereinigung allen Klassenräumen bunte Deutschlandkarten mit den alten und neuen Bundesländern. Immer wieder wurden meine Fenster entsprechend der Jahreszeit mit Fensterbildern beklebt und die Räume und Flure mit großen und kleinen Grünpflanzen geschmückt.

Auf Initiative der SV wurden Springseile u.a. zur Pausengestaltung angeschafft. Apropos SV: Für viele Jahre beherbergte ich den SV-Laden. Hier kauften die Eltern schon am Kennenlerntag das Komplettpaket der nötigen Hefte. Man konnte alles kaufen: Hefte, Ordner, Stifte; und das alles umweltgerecht! So mancher rannte vor einer Arbeit noch schnell hin, um das vergessene Klassenarbeitsheft zu ersetzen.

All die Jahre gab es große und kleine Schulfeste direkt vor meiner Tür. Bei Regenwetter verzog sich einmal die Rock-Band in die Klasse unten links und spielte bei weit offenem Fenster und voll aufgedrehten Verstärkern weiter. Haben Sie schon mal eine solche Band im Bauch gehabt? Gegen die dröhnenden Bässe ist eine Regenpause mit 120 lärmenden Schülern wirklich harmlos.

Und das wäre immer so weitergegangen, wenn man nicht in meinem Rücken ein neues dreistöckiges Gebäude errichtet hätte. Dagegen war ich nur noch ein häßliches Entlein! Schon wieder gab es zu wenig Raum. Der Computer nahm immer mehr Einzug in die verschiedensten Fächer, andere Fachräume wurden doppelt gebraucht, und dann munkelte man vom Verschwinden des Pavillons! Es soll noch ein Neubau entstehen, dreistöckig, mehr Platz!

Und ich? Sollte ich auch pensioniert werden? Sicher, etwas undicht war mein Dach ja. Vielleicht werde ich woanders wieder eingesetzt. Der Baulärm rückte immer näher, das Inventar wurde herausgetragen, ein Bauzaun wurde errichtet. Und dann montierten Männer in Schutzanzügen und Atemmasken meine Außenplatten ab. Sie hatten Angst vor Asbest, das ist wohl beim Einatmen gefährlich. Deshalb zerlegte man mich zur Sicherheit in die anfangs erwähnten Einzelteile. Und jetzt träume ich auf einem öden Schrottplatz von meinen schönen Tagen auf der Brede als euer Pavillon i.R..

Corina Murawski